Premio Europa per il Teatro Premio Europa per il Teatro Premio Europa per il Teatro Premio Europa per il Teatro
V Ausgabe - Begründung

ROBERT WILSON

Die Jury der fünften Ausgabe hat einstimmig den Preis Europa für das Theater an Robert WiIson vergeben und somit in seiner dreißigjährigen Tätigkeit die Absicht einer persönlichen Neuerfindung der Bühnenkunst erkannt, in der er die Zeitdimension wieder gesetzt und die räumliche wieder aufgefunden hat, während er eine reine Produktion des Realen zugunsten einer abstrakten und in formalen Vision des Theaters ablehnte. Dafür legte er auch die Rollen neu fest, mit der Absicht eines, soweit es möglich ist, totalen Eingreifens in die eigenen Schauspiele, in denen er Autor, Regisseur, Schauspieler, Bühnenbildner und “magico light designer” ist. Der Künstler wurde ursprünglich ais Architekt ausgebildet und hat so eine interdisziplinäre Sprache verwendet, die die darstellende Kunst nicht unbeachtet gelassen hat, indem sie die Wichtigkeit des Bildes pflegte und nicht unzufällig auch die Musik einsetzte, sich dem Tanz näherte und gleichzeitig in den Worten Werte reinen Wohlklangs suchte mit der idealen Absicht, eine Form des totalen Theaters zu schaffen. Es wurde gesagt, die Werke Wilsons können wegen der Foigerichtigkeit des Ausdrucks als Teil eines einzigen Werkes in ständiger Bearbeitung angesehen werden, das die Zusammenfassung bildet. Wilson hat sich gleichzeitig mit verschiedenen Gattungen auseinandergesetzt und sie sich dank der Übereinstimmung seiner Sprache nähern lassen: Er hat dies mit Schauspielen kiassischer Texte und mit Neuheiten, ausgeführt, die eigens geschrieben wurden. Deshalb hat er Autoren von der Bedeutung eines Heiner Müllers angeregt, mit dem er einen besonderen Bund einging, oder eines William Burrough. Er hat sich auch der lnszenierung literarischer Texte gewidmet, die keine Theatertexte waren, und sie oft als Monologe umgestaltet, die von großen teilweise weltberühmten Autoren aufgeführt wurden, wie Madeleine Renaud und Marianne Hoppe. Wilson hat auch Regie auf Opernbühnen und für das Ballett geführt und hat Musicals besonderer Art unter Beteiligung von berühmten vielversprechenden Künstlern geschaffen. Er hat Performance gefördert besonders mit Christopher Knowles und hat Modedefilees geleitet. Außerdem muß man auch seine Tätigkeit als Designer und in der darstellenden Kunst erwähnen, die sich in Malerei, Skulptur, Einrichtungen, graphischen Werken und Ausstellungen äußert, wofür er auch den ersten Preis der Biennale in Venedig erhielt. Aber man kann nichts Neues schaffen, ohne die organisatorische Konzeption zu verändern und diesem Gebiet ist ein entscheidender lmpuls des Künstlers bereits zur Koproduktion zwischen den Festspielen der siebziger Jahre zuzuschreiben. Außerdem hat er auch den Prototyp von Schauspielen geschaffen, die in verschiedenen Ländern mit neuen Schauspielgruppen aufgeführt wurden und hat auch Fortsetzungsserien ausgedacht, die mit der Zeit in den verschiedenen Produktionssitzen zu vervollständigen sind. lhm verdankt man eine Annäherung von Theatern verschiedener Länder, Sprachen, Stile und Traditionen. Auch wenn Wilson immer größere und internationale Mitarbeitergruppen miteinbezieht, hat er nie darauf verzichtet, persönlich jeder Produktion den Stempel seiner eigenen Persönlichkeit als Perfektionist aufzudrücken. lhm werden die Verdienste für den Bestimmungszweck der Einkünfte durch eine enorme Arbeit im Zentrum von Watermill zugeschrieben, das eine Schule für das Experimentieren und die Ausblidung Jugendlicher ist. Dies hat ihn zu den Anfängen seiner Arbeit als Lehrer zurückgeführt und hat ihm, durch den dauernden Kontakt mit jungen Menschen geholfen, sich die Fähigkeit einer unauslöschbaren Frische zu erhalten


COMPAGNIA DELLA FORTEZZA

Seit 9 Jahren strebt die Compagnia della Fortezza, die von Armando Punzo geleitet wird, und mit Mühe und Zielstrebigkeit die verschiedenen Schwierigkeiten überwunden hat, die Idee eines Theaters der Loslöung und Befreiung an, eine Bestätigung der Würde, die jedermann beanspruchen kann und muß. Von “Masaniello” bis “Marat Sade”, von “Prigioni” bis zum Ietzten Stück “I negri” ist diese Erfahrung, die im Inneren des Gefängnisses von Volterra begann und dort mit Fleiß weitergeführt wurde, ein Ereignis, das Interesse und Beteiligung im In- und Ausland hervorgerufen hat.
Durch die Einführung der imaginären Theaterwelt in das lnnere eines Gefängnisses, ist ein Weg eingeschlagen worden, durch den ein neuartiger Dialog und eine originelle Form der Kommunikation zwischen den inhaftierten Schauspielern und den Zuschauern entstanden ist, die sowohl aus Häftlingen, als auch aus Besuchern bestehen.
In dem Stück „I negri“ setzen sich die inhaftierten Schauspieler selbst in Szene, sie ermahnen die Gesellschaft, die ihnen zusieht und realisieren so eine ironische und grausame Aufführung von starker und neuer Bildhaftigkeit. Das Drama von Genet ist durch einen freien Beitrag der Schauspieler ergänzt worden. Die Entstehung des Stückes von Genet ist von Armando Punzo folgendermaßen beschrieben worden: “Wir hatten gerade begonnen, mit dem Stück „Moby Dick“ von Melville zu arbeiten, aber dann überzeugte uns das Projekt nicht mehr. Gerade in dieser Zeit las ich dos Stück „I negri“ von Genet wieder und wurde von der Intuition, die dem Stück zugrunde liegt, tief getroffen. -Es handelt von der Geschichte eines Ensembles von Negern, das für weiße Zuschauer spielt, wobei das Drama um ein Verbrechen kreist, das von Negern an einer Weißen verübt wurde. Und da habe ich mir gesagt: ’Die Neger ’ sind diejenigen, die hier eingeschlossen sind, während die Weißen die Zuschauer sind, die von draußen kommen”.
Aus dem Projekt ist eine neuartige, fast heilige und gleichzeitig ketzerische Zeremonie entstanden, in der die Provokation die äußerste Antwort auf eine Situation der Entbehrungen ist, und wo sich der Zuschauer der eigenen Lebensbedingungen als freier und unschuldiger Weißer mit Vehemenz bewußt wird. In diesem Stück beeindruckt die Fähigkeit, die Ausdrucksweise neu zu erfinden, wobei die Möglichkeiten und die Ausdrucksfähigkeit der Schauspieler, aber auch die Verwegenheit. mit der sie sich bis zu den extremen Konsequenzen vorwagen, die in dem Text von Genet angeregt werden, faszinieren, weshalb für die Ausgeschlossenen nur das Theater für die Kommunikation bleibt.


 

 


 

THÉÂTRE DE COMPLICITÉ

Das Théâtre de Complicité wurde 1983 gegründet und ist eines der originellsten und erfindungsreichsten Theaterensembles Englands. Es wurde von vier jungen Leuten gegründet, deren ZieI es war, in das englische Theater, das sich vorwiegend an den Text hielt, jene körperlichen Ausdruckskräfte einzubringen,, die sie an der Pantomimenschule Jacques Lecoq in Paris gelernt hatten. In den dreizehnjahren seit seiner Gründung hat das Ensemble nicht nur internationalen Ruhm etworben, es ist auch organisch gewachsen. Heute vereint es eine geschickte Pantomimik mit der Erkundung umfassender literarischer Texte. Es hat seinen eigenen brillanten und nicht wiederholbaren Stil entwickelt, weshalb es mit Recht den Preis Neue Realität des Theaters erhält. Seine Gründungsmitglieder waren Simon McBumey, Marcello Magni, Fiona Gordon, die zusammen in Paris studiert hatten und AnnabetArden, die mit Simon einen Kurs an der Universität in Cambridge besucht hatte. Ihre erste Produktion, Put It on Your Head, die in einem englischen Badeort spielt, ist mit einer finsteren Komik durchzogen und hatmnur wenig Aufmerksamkeit erregt. Dann folgten einige Schauspiele, die Argumente behandeln, wie unsere Einstellung zum Tod, zum Essen, zum Weihnachtsfest, zum Büroleben. Nach und nach schaffte sich Complicité Anhänger wegen seiner Originalität, wegen seiner Komödien, die ins Groteske gehen und wegen seiner außergewöhnlichen Pantomimik. Aber erst Im Jahr 1988 gelingt der große Durchbruch, als Cormplicité 15 Wochen eine Arbeit im Almeida Theatre in London aufführte, die zum ersten Mal auf einem bereits existierenden Theatertext beruhte, ihre Version von The Visit von Dürrenmatt. Dabei gibt es eine außerordentliche Interpretation von Kathryn Hunter in der Rolle einer schwerreichen Frau, die sich rächt und die Pantomime verwendet, um die Atmosphäre einer kleinen, trostlosen europäischen Stadt zu schaffen. Peter Brook, der das Schauspiel sah, hielt es für besser als jene Ausgabe, die er Ende der fünfziger Jahre geschaffen hatte. Von da an wurde Complicité eine der meist gefragten , internationalen Wanderbühnen und hat zahlreiche Bearbeitungen literarischer Texte inszeniert, darunter Sfreet of Crocodiles von Bruno Schulz, The Three Lives of Lucie Cabrol von John Berger und Foe von J.M. Goetzee. Die reiche Auswahl ihrer Interpretationen und stilistischen Variationen ist jedoch nicht zuungunsten ihres lnstinkts für das Experimentieren und die körperliche Disziplin. Complicité zeigt vor allem eine außergewöhnliche Fähigkeit ganze Gemeinden neu zu bilden, wie zum Beispiel eine kleine polnische Stadt in Street of Crocodiles und einen Bauerndorf in den Hautes -Alpes in Lucie Cabrol. Zur Zeit arbeitet Complicité an einer Coproduktion des „Der kaukasische Kreidekreis“ von Brecht mit dem britischen National Theater. Auf jeden Fall ist Complicité eines der kühnsten und wirklich experimentellsten Ensembles, die heute in Europa arbeiten.